Zwischenbilanz: Das Forum hat eine grosse Leserschaft
Das neue Schulforum wird fleissig gelesen. Mit über 4200 Kontakten zu den Forumsseiten im September 2009 wird dieses Interesse eindrücklich dokumentiert.
Die Kurzbeiträge der Forumsteilnehmenden zur schulischen Integration sind sehr differenziert und alles andere als Rundumschläge. Allerdings scheint das Thema so komplex zu sein, dass wohl viele Forumsteilnehmende der Aufgabe, einen kurzen Beitrag zu schreiben, zuviel Respekt entgegengebracht und sich mit Stellungnahmen zurückgehalten haben.
Ich habe versucht, diese Schwierigkeit aus dem Weg zu räumen, indem am Schluss meines Beitrags Leitfragen zu einzelnen Aspekten der Integration angehängt sind. Dies soll eine aufmunternde Einladung für kurze Antworten oder neue Anregungen sein.
Erste Rückschlüsse und pragmatische Lösungsansätze
Einer Volksschule, wo fast alle Kinder in Regelklassen Platz finden können, um individuell nach ihren Fähigkeiten und Interessen gefördert zu werden, scheint die Zukunft zu gehören.
Nur sind die Reaktionen im Forum nicht gerade so ausgefallen, als lasse sich diese Vision rasch in die Praxis umsetzen. Kritisiert wurde vor allem, dass die meisten Integrationsmodelle von einer Schönwetterpädagogik mit guten Rahmenbedingungen ausgehen, was kaum unserer Schulrealität entspreche. Die innere Unruhe und mangelnde Konzentrationsfähigkeit vieler Schüler werden bereits in den meisten Regelklassen als erheblich eingestuft, sodass durch Zuteilungen von verhaltensauffälligen Jugendlichen das Fass zum Überlaufen gebracht werden könnte.
Leider ist kaum damit zu rechnen, dass der Volksschule in den nächsten Jahren mehr finanzielle Mittel zur Verfügung stehen werden. Die Forderung nach besseren finanziellen Rahmenbedingungen bleibt somit Wunschdenken. Um das Konzept der Integration im Grundsatz beibehalten zu können, braucht es den Mut, auch die Grenzen eines integrierenden Fördersystems aufzuzeigen. Extrem Verhaltensauffällige können wohl nur in seltenen Fällen in Regelklassen aufgenommen werden. Auch bei der Aufnahme von schulisch völlig überforderten Kindern gilt es die Belastungsgrenzen zu beachten. Klassenlehrkräfte sollen ihre pädagogische Energie allen Schülerinnen und Schülern und nicht nur einigen wenigen zukommen lassen, sonst droht der Kollaps des Unterrichts. Das Zürcher Volksschulgesetz sieht vor, dass Kinder nach Möglichkeit in Regelklassen unterrichtet werden sollen, aber ebenso wird festgehalten, dass weiterhin Sonderklassen geführt werden können. Von einer gesetzlichen Pflicht zur Auflösung aller Sonderklassen, wie dies einige Schulbehörden wohl gerne hätten, kann keine Rede sein. Die vorschnelle Streichung der Sonderklassen in einigen Gemeinden kann deshalb nicht mit dem Volksschulgesetz begründet werden.
Damit die Idee der Integration bei einem grösseren Teil der Kinder und Jugendlichen in der Schulpraxis mit Erfolg umgesetzt werden kann, sind pragmatische Lösungen nötig. Die folgenden fünf Leitfragen sollen helfen, Anregungen zu geben und die Diskussionsbeiträge zu bündeln.
Fünf aktuelle Fragen zum Thema Integration
• Bessere Integrationschancen bei stärker strukturiertem Unterricht?
Bei integrierten lernschwächeren Kindern kommt dem klaren Aufbau bei der Stoffvermittlung und dem gut strukturierten Üben grösste Bedeutung zu. Die hoch im Kurs stehenden offenen Lehrformen sind für diese Kinder zu wenig geeignet, um ein stabiles Lernverhalten zu fördern. Müssten Lehrerbildung und Lehrmittelproduktion diesen beiden Aspekten des Lernens nicht mehr Bedeutung beimessen?
• Defizitorientierte Sisyphusarbeit für Schulische Heilpädagogen?
Viele Schulische Heilpädagoginnen und Heilpädagogen stellen etwas ernüchtert fest, dass sie bei der Förderung von ehemaligen Sonderklässlern oft Sisyphusarbeit leisten, weil sie zu sehr defizitorientiert arbeiten müssen. Könnte es nicht daran liegen, dass zu starre Lehrpläne mit zuviel Schulstoff und sprachenlastigen Inhalten die Konzentration auf Wesentliches erschwert?
• Braucht es Aufnahmekriterien für die Integration in Regelklassen?
Eine erfolgreiche schulische Integration dürfte im Rahmen klar definierter Grenzen besser gelingen. Welche Aufnahmekriterien müssten allenfalls für verhaltensauffällige oder sehr schwache Schüler gelten?
• Wurde die Integration auf der Oberstufe teilweise überstürzt eingeführt?
Eine erfolgreiche Integration muss primär von unten beginnen und kann nicht mit einer Hauruck-Übung erst auf der Oberstufe vorgenommen werden. Gibt es Argumente, welche diese These stützen?
• Gibt es mehr Heimeinweisungen infolge der Abschaffung von Sonderklassen?
Die vorschnelle Auflösung aller Kleinklassen kann erhebliche Folgekosten verursachen und eine pädagogische Lücke hinterlassen. In manchen Regelklassen wurde die Integration einzelner Schüler zu einer so grossen Belastung, dass Heimplatzierungen von verhaltensauffälligen Jugendlichen ins Auge gefasst werden mussten. Trifft es zu, dass die Zahl der Anträge für Einweisungen von Schülern in Sonderheime gestiegen ist, weil vielerorts Kleinklassen fehlen?
Soweit ich informiert bin, geht die Tendenz eher in eine andere Richtung. An den pädagogischen Hochschulen wird das Schwergewicht immer mehr auf "Eigenverantwortung" gelegt, weil man denkt, den Anforderungen und Bedürfnissen einer Schule, die sich ständig weiterentwickle, so am besten entspechen zu können. Selbststeuerung und Kooperation werden gross geschrieben.
Die Studenten verbringen immer weniger Zeit in geleiteten Veranstaltungen... Es tönt nicht gerade so, als ob sie dort lernen würden, wie man den Unterricht strukturiert. Aber wer weiss, vielleicht kommen sie ja selber drauf.
Punkto Lehrmittel besteht glaub ich auch bei vielen Lehrkräften eine Orientierungslosigkeit. Was die Verbindlichkeit anbelangt, bin ich natürlich für möglichst viel Wahlfreiheit, aber ich denke es wäre gut, man hätte als Lehrpeson einen Leitfaden oder Kriterienkatalog zur Verfügung, der es einem erleichtern würde, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Vielen Dank für die tolle Arbeit, die ihr mit diesem Forum leistet. Vieles von dem, was gesagt wird, kann ich unterstützen. Und vieles von dem, was gesagt wird, könnten Schulpolitiker selber auch erkennen, wenn sie es denn wollten. Hier liegt aber das Problem. In einer von oben gelenkten Schule wird auch von oben bestimmt, wie die Schulrealität zu sein hat. Probleme, deren Lösungen höhere Kosten mit sich bringen, werden herausgefiltert. Diese Realitätsverweigerung erachte ich als immanentes Problem der Politik. Und die Politik ist erst bereit, allenfalls Korrekturen vorzunehmen, wenn sie sich dazu gezwungen sieht, d.h. wenn sich die ernüchternde Realität nicht mehr schönreden lässt.
Im Fall der Integration ist es zwischen der politischen Rechten und der politischen Linken zu einer unheiligen Allianz gekommen. Die einen erblicken darin ein Sparpotenzial, die andern eine Möglichkeit, ihre ideologischen Ziele umzusetzen. Beide werden an ihren Positionen festhalten, auch wenn sie sehen, dass es so nicht funktioniert. Die Zeche dieses politischen Ränkespiels wird die Volksschule bezahlen, die ihren Leistungsauftrag unter den gegeben Umständen nicht mehr erfüllen kann. Doch hier werden die Privatschulen in die Bresche springen, die alimentiert durch den Bildungsgutschein die Bildungschancen der privilegierten Schichten in Zukunft sichern werden. Man hegt gar den Verdacht, dass diese Entwicklung hin zu einem Klassenbildungssystem gewollt ist, zumindest von gewissen Kreisen.
Liebe Nina, lieber Xanthippus Ihr werft einige spannende Fragen auf, die Stoff für eine grosse Diskussionsrunde geben könnten. Vielen Dank!
Nina schreibt, dass an den Pädagogischen Hochschulen didaktische Konzepte für strukturiertes Trainieren nicht mehr hoch im Kurs seien. Eigenverantwortliches Lernen soll zu grossen Teilen den klar strukturierten Unterricht ablösen.
Mich würde vor allem interessieren, wieweit die an den Pädagogischen Hochschulen vermittelten neuen Lehrmethoden vorgeben, strukturelles Üben könne weitgehend durch offenere Unterrichtsformen ersetzt werden. Wäre dies der Fall, würden die Voraussetzungen für eine zufriedenstellende schulische Integration verschlechtert. Lehrkräfte, die allen Kindern gute Lernchancen bieten wollen, müssen methodisch aus dem vollen Schöpfen können und über die verschiedenen Trainingsformen bestens im Bild sein. Wenn nicht, sind vor allem die schwächeren Schüler die Verlierer. Solange vieles in einem offenen Unterricht nur angetippt wird, erlangen die langsam Lernenden die nötige Sicherheit kaum und kommen so nicht zu den ermutigenden Erfolgserlebnissen im Klassenverband.
Ich hake mit einer Doppelfrage nach:
Wird der Wert des aufbauenden Trainierens und Übens in der Lehrerbildung verkannt? Wird damit allenfalls nicht ein stabilisierendes Element für die Integration schwieriger Schüler preisgegeben?
Lieber Xanthippus, du schreibst, die Bildungspolitik neige dazu, aus der Sicht des Adlers die Schule zu betrachten und die tatsächlichen Schwierigkeiten des Bodenpersonals mit den vielen Reformen und den pädagogischen Belastungen nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Ich kann diese Aussage durchaus verstehen, denn wir Lehrkräfte kommen uns manchmal wirklich vor, als müssten wir an einem Dutzend Orten gleichzeitig Feuerwehreinsätze leisten.
Die neusten Entwicklungen in der Bildungspolitik lassen meiner Meinung nach aber die Hoffnung aufkommen, dass das Verständnis für die Herausforderungen des Lehrerberufs wächst und die Lehrerschaft für ihre Anliegen wieder mehr Gehör findet. Aber dieser positive Trend dürfte sich nur fortsetzen, wenn wir auch deutlich sagen, wo der Schuh drückt.
Ich hake mit einer Doppelfrage nach:
Welche Reformschritte im Bereich der Integration müssten bei gleich bleibenden finanziellen Rahmenbedingungen langsamer oder anders ausgeführt werden? Welche inneren Reformen könnten helfen, den der Schule gestellten Integrationsauftrag besser zu lösen?
In ihrer Vernehmlassungsantwort zur ersten Vorlage des neuen Volksschulgesetzes hat die Lehrerschaft ihre Zustimmung zur Integration an die Forderung flankierender Massnahmen geknüpft. Um die Mehrbelastung durch die Integration auszugleichen, müssen für Regelklassenlehrkräfte Entlastungsmöglichkeiten geschaffen werden. Zudem dürfe eine maximale Klassengrösse von 20 Kindern nicht überschritten werden.
Doch genau das Gegenteil von dem, was die Lehrerschaft damals im Jahr 2000 gefordert hat, ist eingetreten. Der Anteil grosser Klassen und die Belastung der Lehrpersonen haben seitdem stark zugenommen. Die Initiative Jositsch, die eine weitere Erhöhung der Klassengrössen verhindern wollte, wurde erfolgreich abgeschmettert. Es fehlt somit ein tragendes Konzept für ein erfolgreiches Gelingen der Integration.
Was wir jetzt erleben, führt zu einer Verschlechterung der Schulqualität. Mit dem anstehenden Sparpaket des Kantons dürfte sich die Situation der Volksschule abermals verschlechtern. Kurzum, man hat eine Volksschulreform durchgeführt, ohne ausreichende Mittel bereitzustellen. Bevor dieser grundlegende Mangel nicht behoben ist, sehe ich keine Möglichkeit für deren erfolgreiche Umsetzung.
Selbstverständlich soll im Schulunterricht systematisches und strukturelles Ueben praktiziert werden. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dies jemand bestreitet.
Und es ist ja wohl schon anzunehmen, dass auch heute noch in der Lehrerbildung auf diese wichtige Tatsache hingewiesen wird. Es gibt ja mittlerweilen auch namhafte Hirnforscher, die sogar in TV-Sendungen und Zeitschriften einem breiten Publikum, klar machen, wie wichtig das stete Ueben und Trainieren in allen Bereichen für unsere Entwicklung ist, Ob man nun superintelligent ist oder nicht, mit einer speziellen Begabung gesegnet, behindert, krank oder gesund; für alle gilt: Uebung macht den Meister.
Dass sich offene Lehrformen und strukturiertes Ueben gegenseitig ausschliessen, würde ich an dieser Stelle auch nicht behaupten. Die offenen Lehrformen sind m.E. ebenfalls dienlich, wenn sie gut eingeführt und sinnvoll eingesetzt werden. Nur sollte man alle andern Lehrformen daneben nicht vernachlässigen, der Vielfalt keine Grenzen setzen. Die Schüler sollten auf multiple Weise gefördert werden. Ich sehe mich als ganz grosse Verfechterin von Vielfältigkeit und was noch dazu kommt: Tiefe! Mehr Tiefe und Sorgfalt wünsche ich mir, Tiefe, Sorgfalt und Konzentration auf wesentliche Lerninhalte, anstelle des oberflächlichen Gehetzes durch riesige Stoffmengen.
Manchmal frage ich mich allerdings schon, ob sich die PH-Dozenten ihrer grossen Verantwortung bewusst sind. Auch ihr Verhalten hat eine Vorbildwirkung auf die Studenten. Diese wiederum geben dann weiter, was sie selber erfahren haben. Die Auslegung, Gewichtung und das Mass der Eigenverantwortung scheint mir hierbei ein beachtliches Problem darzustellen.
Meine Erfahrung zeigt mir jedenfalls deutlich, dass sehr viele Schüler mit zu viel Eigenverantwortung nicht gut umgehen können. Sie sind schlichtweg überfordert und brauchen mehr Richtlinien und Unterstützung. Hierzu liefert uns auch wieder die Neurophysiologie eine plausible Erklärung: Der orbitofrontale Kortex, der u.a. für Selbstdisziplin und Entscheidungsfähigkeit auf Vernunftbasis zuständig ist, entwickelt sich offensichtlich nur sehr langsam und ist bei manchen Jugendlichen noch lange nicht ausgereift. Dem sollte man halt einfach Rechnung tragen.
Zur Frage "Braucht es Aufnahmekriterien für die Integration in Regelklassen?" ist mir auch noch etwas eingefallen: Genauso wichtig oder noch wichtiger als den einzuteilenden Integrationskandidaten einer Prüfung zu unterziehen, scheint es mir, die Klasse genauer unter die Lupe zu nehmen, in welche er hineinverpflanzt werden sollte. Neben der Klassengrösse ist nämlich auch deren Zusammensetzung von entscheidender Bedeutung:
Sind beispielsweise mehr als 40% der Kinder einer Klasse fremdsprachig, wird's bereits sehr kritisch. Solche Daten kennt man auch aus Studien. Diese werden aber gern verschwiegen.