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Dieses Thema hat 23 Antworten
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 Blog: Thema "Integration"
Seiten 1 | 2
Bea Fünfschilling

15.10.2009 15:44
Bea Fünfschilling: Ist die Volksschule der richtige Ort für Integration? antworten

Ist die Volksschule der richtige Ort für Integration?
Bea Fünfschilling, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland

Praktisch jede Abhandlung über integrative Sonderpädagogik stellt voran, dass die Integration von wenig privilegierten Menschen in die Gesellschaft unbestritten sei. Zusammen mit meinem Verband kann auch ich diesen Grundsatz voll mittragen. Lange genug wurden geistig und körperlich Behinderte, aber auch psychisch Kranke und andere Randgruppen von der Gesellschaft ausgegrenzt. Und doch stellt sich ernsthaft die Frage, ob die Volksschule für eine lückenlose Integration der richtige Ort ist, denn sie kann die Bedürfnisse vieler stark behinderter Kinder nicht erfüllen.


Kernauftrag Volksschule
Am Kernauftrag der Volksschule hat sich auch im Hinblick auf die Reformen grundsätzlich nichts geändert. Die Definition ist die gleiche geblieben:

Die Schule bereitet die jungen Menschen so auf das Leben vor, dass sie einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Beruf erlernen und ausüben und damit ihren Lebensunterhalt selbständig verdienen oder eine Familie gründen und unterhalten können. Um die Fertigkeiten und das Können in den einzelnen Schulfächern zu erlernen, ist ein für ein konzentriertes Lernen günstiges Arbeitsumfeld nötig. Eine ständige Förderung des Sozialverhaltens ist Grundlage für erfolgreiches Lernen.

Diese Zielsetzungen decken zwar die Bedürfnisse und Erwartungen der Schülerinnen und Schüler der heutigen Regelklassen ab, nicht aber diejenigen vieler behinderter Kinder. Diese brauchen zum Teil eine ganz andere Gewichtung der Lerninhalte und eine ununterbrochene, spezifisch auf ihre Behinderung ausgerichtete Förderung.

Adäquate Förderung geistig behinderter Kinder
Durch die Behinderung ihrer Tochter motiviert, gründete meine Tante in den 50er Jahren eine Tagesförderstätte für geistig behinderte Kinder. Ihr Ziel war es, die Kinder auf ein möglichst selbständiges Leben vorzubereiten und die Bevölkerung für die Bedürfnisse der Kinder zu sensibilisieren. Ausflüge zur Einübung des Verhaltens im Verkehr, beim Einkaufen und in der Kommunikation mit der Einwohnerschaft waren an der Tagesordnung. Gruppenspiele, koordinierte Bewegung, Zeichnen, Singen und Musizieren, gemeinsames Kochen, Putzen und Aufräumen ersetzten grösstenteils die traditionellen Schulfächer. Rechnen, Lesen und Schreiben wurden zwar angeboten, doch kamen die Kinder kaum je über das Kritzeln ihres Namens hinaus. Es machte ihnen in kurzen Sequenzen dennoch Spass. Das Sozialverhalten in der Gruppe und die für viele Kinder schwierige Kontrolle ihrer eigenen Emotionen standen jederzeit im Zentrum. Ein gesunder Wettbewerb spielte, bei dem jedes Kind die Chance hatte, einmal am besten zu sein. Durch den täglichen Kontakt mit der Bevölkerung verwandelte sich deren anfänglich skeptische Ablehnung in Wohlwollen und Interesse.

Meine Cousine hat ihr Leben lang an einer geschützten Arbeitsstelle arbeiten können und lebt seit dem Tod ihrer Mutter in einem Behindertenheim, von wo aus sie sich aber mit ihren Freunden weitgehend selbständig bewegt.

Mit der Integration in die Regelklassen der Volksschule können die für diese Menschen unerlässlichen Bildungsschwerpunkte nicht im erforderlichen Masse gesetzt werden, insbesondere wenn die Unterstützung durch ausgebildete Sozialpädagoginnen nicht ausreichend, d.h. ununterbrochen, angeboten und finanziert wird, denn noch stärker als die Schulkinder in den traditionellen Regelklassen sind behinderte Kinder auf eine stetig wiederkehrende intensive Einübung von Fertigkeiten angewiesen.

Spezialisierte Förderung körperlich behinderter Kinder
Die schwer hörbehinderte Z. wird in die Regelklasse des Kindergartens eingeteilt. Den Eltern wird die Begleitung durch eine Sonderpädagogin zugesagt. Schon nach wenigen Wochen gebärdet sich Z. sowohl zu Hause wie in der Schule aggressiv. Die andern Kinder beginnen sie nach Schlägen und Bissen verständlicherweise zu meiden. Nach drei Monaten wird die Sozialpädagogin ersetzt. Es stellt sich erst im Nachhinein heraus, dass sie weder ausgebildet, geschweige denn auf Hörbehinderung spezialisiert ist. Auch die Nachfolgerin kann den Bedürfnissen des Kindes nicht genügen und die Klassenlehrperson ist total entnervt. Die Eltern verlangen nach einem halben Jahr unerträglicher Entwicklungen die Versetzung von Z. in die Hörbehindertenschule. In einer für alle Beteiligten verfahrenen Situation wird diesem Wunsch erst nach einem Jahr entsprochen. Heute lernt die aufgeweckte Z. in separierten Lehrgängen bei darauf spezialisierten Pädagogen neben dem normalen Schulstoff auch die Taubstummensprache und ihr Verhalten normalisiert sich langsam.

Dieses und ähnliche Beispiele zeigen auf, dass ein Modell, welches vorzugsweise integrative Schulung vorschreibt, grossen Schaden anrichten kann, vor allem wenn die Finanzierung nicht gesichert ist und sich die Entscheidungsträger von der Ideologie, statt von einer realistischen Betrachtungsweise leiten lassen. Es ist zu befürchten, dass dies der Regelfall sein wird. Die emotionalen Grabenkämpfe zu diesem Thema sprechen Bände.

Aktueller Stand im Kanton Baselland
In einigen Kantonen wie Zürich ist die schulische Integration bereits angelaufen und die ersten Resultate liegen vor. Wer einen Blick in dieses Forum geworfen hat, stellt fest, dass fast überall von ungenügenden Rahmenbedingungen und von viel ideologischer Zwängerei die Rede ist.
In Baselland und in der Nordwestschweiz sind noch keine politischen Beschlüsse gefasst worden und doch wird die Integration schon ohne gesetzliche Grundlagen durch die Hintertür vielerorts eingeführt. Der Lehrerinnen- und Lehrerverein BL ist sich des heiklen Themas zwar bewusst, wendet sich aber dennoch entschlossen gegen diese Vorgehensweise und das nicht ausgereifte Konzept.

Der Verband hätte sich eine argumentativ geführte, offene Diskussion über Vor- und Nachteile einer weitgehenden Integration gewünscht. Leider war dies nicht möglich. Stattdessen hat er sich Schelte in den Medien und einen offenen Brief des Bildungsdirektors eingehandelt. Der Berufsverband kann es jedoch nicht hinnehmen, dass schon im Vorfeld der Umsetzung von „überforderten" oder „integrationsunwilligen“ Lehrpersonen gesprochen wird. Diese Diktion unterstellt den Betreffenden ungerechtfertigt eine grundsätzliche Unfähigkeit oder mangelhaftes Engagement. Dabei ist es schlicht nicht menschenmöglich, nach diesem Konzept allen Kindern gleichermassen gerecht zu werden und sie mit ihren unterschiedlichsten Bedürfnissen optimal zu fördern. Nicht die Integration selber, sondern das Konzept dazu ist deshalb nicht tauglich, denn es könnte sich wie schon viele Bildungsreformprojekte zuvor nach wenigen Jahren als gescheiterte Modeströmung entpuppen.

Lösungsansätze
Unbestritten ist, dass es in ausgesuchten Fällen sehr sinnvoll ist, behinderte Kinder in die Regelklassen zu integrieren. Würden das Konkordat und die neuen Konzepte diese Möglichkeit lediglich anbieten und sie mit der „vorzugsweise integrativen" Anordnung nicht praktisch zum Regelfall machen, würde die grosse Mehrheit der Lehrpersonen bestimmt dahinterstehen. Wie die Kleinklassen, von deren Erfolg der Verband nach wie vor überzeugt ist, könnten von Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen geführte Klassen in die Schulhäuser integriert werden, um so den täglichen Kontakt mit den andern Kindern auf dem Pausenplatz und an gemeinsamen Anlässen sicherzustellen.

Anregungen und Fragen
• Kann bei der Integration in die Regelklasse von echter Integration gesprochen werden, wenn die behinderten Kinder von den Lernzielen befreit, während den Schulstunden teilweise separiert, von den Schulreisen - z.B. Bergwanderungen - ausgeschlossen und nicht adäquat betreut und gefördert werden?
• Könnte es sein, dass nicht die optimale Förderung der behinderten Kinder, sondern das Einüben des Umgangs mit ihnen durch die Klassenkameraden die Ideologie prägt und dass damit Behinderte als „Lerninhalt“ instrumentalisiert werden?
• Ist die Einbindung geistig behinderter Kinder in eine Schule, in der Schulfächer im Zentrum stehen, die sie nie begreifen werden, wirklich fair und richtig?
• Was empfinden behinderte Kinder, wenn ihre Klassenkameraden in Anforderungen erfolgreich sind, die sie auch bei bestem Willen nicht erfüllen können?
• zudem ist das Konzept ist nicht zu Ende gedacht, denn was passiert nach Abschluss der Volksschule mit den behinderten Jugendlichen?

Gabriele Zückert

21.10.2009 09:44
#2 RE: Ist die Volksschule der richtige Ort für Integration? antworten


In meiner Karriere als Kindergärtnerin habe ich es zweimal erlebt, was Integration von Kindern im Kindergarten heisst. Zweimal waren die Erfahrungen schlussendlich unbefriedigend.

Ein Kind mit Glasknochen war im Kindergarten und die meiste Zeit musste ich aufpassen, dass dem Kind nichts passierte, dass heisst, ich war meist alleine und es war keine weitere Therapeutin oder Heilpädagogin anwesend. Die Förderung fand an einem Tag für 2 Stunden statt. Das Kind fehlte zudem sehr oft.

Die zweite Situation, und da war ich voll motiviert, war die versuchte Integration von einem gehörlosen Kind. Ich lernte Gebärdensprache, die Klassengrösse wurde auf 16 Kinder beschränkt und 4 Förderlektionen zugesprochen. Die Förderung fand im Kindergarten, aber separat, in einem anderen Raum, statt. Nach einem Jahr nahmen die Eltern das Kind, trotz wohlwollender Meinung zu unserer Arbeit, aus dem Kindergarten und schickten es in eine Gehörlosenschule, wo das Kind professionell und auch von Gehörlosen unterrichtet wurde. Sie waren der Meinung, dass Ihr Kind einfach zu wenig vom Unterricht mitbekommen würde. Inzwischen ist das Kind an einer Privatschule mit Dolmetscher.

Integrieren Behinderter funktioniert nur mit genügenden Ressourcen. In den beiden oben genannten Fällen waren diese ungenügend, trotz Begeisterung und Einsatzwille der Lehrpersonen. Und dies wird weiterhin ungenügend bleiben,
wenn eine Regellehrperson nur eine Stunde mit einem behinderten Kind in der Klasse alleine unterrichten muss. Vor allem dem behinderten Kind wird man damit nie gerecht.

Herkunft: BL

Daniel Vuilliomenet

21.10.2009 09:48
#3 RE: Ist die Volksschule der richtige Ort für Integration? - Angepasste optimale Förderung? antworten


Ich kann den Artikel von Bea Fünfschilling und ihre darin geäusserte Meinung nur unterstützen. Die Gedanken sprechen eine Sprache der Sorge um die Qualitätserhaltung der guten Schule, ob in Baselland oder sonstwo.

All die Sonderschulen wurden ja nicht gegründet, um Kinder mit besonderen Lernbedürfnissen zu separieren nach dem Motto "Aus den Augen, aus dem Sinn". Sie wurden ins Leben gerufen, um diesen Kindern die ihnen angepasste optimale Förderung zukommen zu lassen - mit viel Hingabe des verantwortlichen Lehrpersonals.

Und genau daran wird die beinah mit religiösem Eifer postulierte Integration scheitern. Lassen Sie mich es mit einem Bild aus dem Bergsport vergleichen. Eine Seilschaft am Berg ist schon durch das verbindende Seil gezwungen, den Schwächsten das Tempo bestimmen zu lassen. Doch es gibt ein Mindestmass an Leistungsfähigkeit, das vorhanden sein muss, um die Tour überhaupt gelingen lassen zu können. Alles andere wäre verantwortungslos und in diesem Fall sogar lebensgefährlich. Jeder Bergführer muss sich solche Gedanken machen. Ein Schulbesuch ist zwar keine Bergtour, doch das Bild passt. Keine Lehrperson kann, obwohl unterstützt durch Heilpädagogik, einen zu grossen Spagat machen. Das zerreisst sie und diese Zerreissprobe ist unnötig. Seien wir ehrlich:

Die ganze Integrationszwängerei hat genau einen guten Grund: Die sogenannt fehlenden Finanzen der IV. Doch es ist mehr als ein Spiel mit dem Feuer, wegen dieses Engpasses die Qualität unseres Bildungssystems in abenteuerlicher Art und Weise zu gefährden. Dazu kommt, dass die dann zwangsintegrierten Kinder oft alles andere als integriert sind. Ihre mögliche und wahrscheinliche Separation beginnt mit der Integration erst recht. Das steht nirgends auf den pädagogischen Hochglanzprospekten, die die Integration über alle vier Kleeblätter loben. Doch viele Lehrpersonen, Eltern und betroffene Kinder können davon ein trauriges Lied singen. Es gibt sie, diese Momente der Erfüllung, wenn ein behindertes Kind mit seinem unverbrauchten Lachen die sogenannt "normalen" Schülerinnen und Schüler berührt. Doch diese Rührung darf uns nicht über das hinweg sehen lassen, was mit der geplanten Maximalintegration auch noch mit aufgerührt wird. Dieser Sauerteig wird am Schluss niemandem munden.

Daniel Vuilliomenet, Sekundarlehrer phil II und Musiker
Herkunft: BL

Max Müller

22.10.2009 10:48
#4 RE: Bea Fünfschilling: Integration - ein Stück wie aus dem Lehrbuch für Planungspleiten antworten

Diese „Integration in die Regelklasse“ ist ein Stück wie aus dem Lehrbuch für Planungspleiten. Es ist dem Personalverband, den die Autorin anführt, hoch anzurechnen, dass er auf der Basis seiner beruflichen Erfahrungen die Schwächen des Projekts aufzeigt - bezeichnend, dass es dafür sofort in der ganzen Szene heisse Schelte gibt.

Es klappt auf der ganzen Linie nicht. Zum einen, weil Kinder im Klassenverband nicht, wie die Ideologie das gerne hätte, wie kleine Erwachsene unter Beachtung persönlicher Lernvereinbarungen lernen. Gelernt wird, weil im Klassenverband alle das Gleiche tun und weil es der Bezug zu einer führenden Lehrperson verlangt. Wenn Kinder profitieren sollen, braucht es eine hinreichend homogene Lerngruppe. Das war noch nie anders, und dieser Exzess von „Integration“ ruiniert es definitiv.

Zum andern, weil solche Projekte bestenfalls in einem Pilotdurchlauf versucht worden sind, oft bei persönlich begeistertem und weit über ein verantwortbares Mass hinausgehendem Einsatz. Sowas scheitert im späteren Alltag regelmässig an den Realitäten. Zu zahlreich sind bereits die schlimmen Berichte von ernüchterten Abbrüchen edlen Tuns.

Zum dritten, weil in aller Regel bereits die Projektierung gravierende Mängel aufweist, was die Planungsschritte, die Ressourcen, das Timing und die personellen Besetzungen angeht. Wer doch für das Schöne eintritt, in diesem Fall für eine offenbar von der UNO postulierte „Integration“, glaubt leicht, auf sachlich erforderliche Planungparameter verzichten zu können, an die sich jedes Entwicklungsvorhaben einer Privatfirma halten müsste, wenn diese vom Markt nicht abgestraft werden möchte.

In der Bildung geht naive Zuversicht natürlich auch regelmässig schief, die vergangenen vierzig Jahre belegen es eindrücklich, aber die Bildungplanung steht auch in ihrem Versagen unter Artenschutz, da es bisher noch immer gelungen ist, der Politik einzureden, was so gut gemeint sei, dürfe bezüglich Aufwand und Lernertrag nicht überprüft werden. Wer dazu den Nachweis fordert, sieht sich alsbald als Nestbeschmutzer gebrandmarkt. Einen belastbaren Erfolgsnachweis hat eine so permanent von „Entwicklungen“ gepeinigte Volksschule noch nie antreten müssen.

Den Schaden werden am Ende ganz viele haben: die behinderten Kinder zuerst, dann aber auch die Schülerinnen und Schüler, deren Lerntempo, weil nebenher so wunderbar individuell gewählt, zielsicher gegen Null tendiert, und nicht zuletzt die Lehrerinnen und Lehrer, deren Berufe in Monitoring-Funktionen zerfleddert werden. Verständlich, dass ein Personalverband dagegen angeht.

Analoge Ideologieprojekte laufen parallel bei den Lehrmitteln, den Stundentafeln und Lehrplänen, bei den Erweiterten Lernformen, auf dem Feld des Frühfremdsprachenlernens und in der Domäne der „Portfolios“ und der Lernleistungsbeurteilung: Kapriolen, die sich nur ein Betrieb leisten kann, der nicht pleite gehen kann. Unnötig anzufügen, wo anzusetzen wäre.

Herkunft: BL

Fleur Huber

22.10.2009 14:14
#5 RE: Bea Fünfschilling: Gedanken zur Integration von behinderten Kindern in die Regelklassen antworten

Gedanken zur Integration von behinderten Kindern in die Regelklassen

Die Integration von behinderten Kindern in die Volksschule soll künftig der Ort der Bildung für alle Schüler sein. In den Kantonen Basel-Land und Basel-Stadt sind die Meinungen über die zukünftige integrative Schulung bei der Lehrerschaft sehr geteilt. Eine Ueberforderung von beiden Seiten, Lehrern und Kindern, scheint offensichtlich. Der Wunsch vieler Eltern ihre Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Behinderung in eine Regelschule zu schicken, ist sehr verständlich. Man hofft dabei, dass der tägliche Umgang mit normalen Kindern die soziale Integration erleichtern wird. Je schwieriger jedoch der Schulstoff wird , umso schmerzlicher wird auch das Kind mit einer geistigen Behinderung spüren, dass es den gestellten Anforderungen nicht genügt.

Aus Erfahrung weiss man, und dem kann ich als Mutter eines 48-jährigen Sohnes mit Down-Syndrom beipflichten, dass auch der Behinderte seiner Defizite bewusst wird. Eine Depression kann die Folge aus der steten Ueberforderung sein. Spätestens in dieser heiklen Phase sollte dem Jugendlichen seinen spezifischen Fähigkeiten, Begabungen und Bedürfnissen entsprechend, eine adäquate Schulung ermöglicht werden.

Seit Jahrzehnten werden in den heilpädagogisch und zT. anthroposophisch geführten Sonderschulen, so zB der JUFA (Jugend und Familie) in Basel, behinderte Kinder nach einem eigenen Förderplan im Lesen, Schreiben, Rechnen und musischen Fächern unterrichtet. Unter „seinesgleichen“ kann sich ein gesunder Konkurrenzkampf entwickeln, den ein Kind mit Behinderung in der Regelklasse immer verlieren wird. Vielleicht wäre es zukünftig auch denkbar und weniger kostenintensiv, Sonderklassen mit ausgebildeten HeilpädagoInnen in Regelschulhäuser zu integrieren. Die soziale Integration findet dann „draussen“ im Pausenhof, auf dem Nachhauseweg, auf lebenspraktischem Gebiet statt.

Wichtig in der ganzen Problematik um die Integration ist das Nicht-Ausgegrenztwerden in der Gesellschaft. Und dies gelingt nur dann, wenn wir Eltern und Betreuer uns immer wieder mit „unseren“ Behinderten in der Oeffentlichkeit zeigen und so oft als möglich „mit“ ihnen am gesellschaftlichen Leben dieser Stadt teilnehmen.

Die Sonderschulen mit ihren HeilpädagogInnen haben in den vergangenen Jahrzehnten bei der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit einer Behinderung, Grossartiges geleistet und verdienen höchste Anerkennung.

Uebrigens sind die skandinavischen Länder wie Schweden, Dänemark und Norwegen, die schon vor ca 15 Jahren die integrative Schulreform eingeführt haben, wieder zur Sonderschulung mit dafür ausgebildeten Heilpädagogen zurückgekehrt!!

Fleur Huber, Basel

Mitbegründerin der i n s i e m e Basel-Stadt

SEKalimera Offline


Beiträge: 1

25.10.2009 01:03
#6 RE: Bea Fünfschilling: Integration - Träumen von einem Goldenen Zeitalter antworten

Auch ich fände es schön, wenn alle Menschen so, wie sie sind, gemeinsam lernen und arbeiten könnten. Die Realität sieht nur leider bereits an der Sekundarschule anders aus. Dort sind wir noch nicht einmal in der Lage, SchülerInnen mit dem, was früher Lese- und Rechtschreibschwäche genannt wurde, richtig zu integrieren. Wobei ich unter Integration verstehe, dass es auch diesen SchülerInnen möglich gemacht wird, die Schule erfolgreich zu absolvieren und eine Anschlusslösung zu finden, die ihren Wünschen und Fähigkeiten entspricht. Daran hapert es gewaltig, denn:

1. In den Notenkonventen wird in der Regel nicht auf diese Schwäche Rücksicht genommen. Vorschläge, wie diese SchülerInnen v.a. in den Sprachfächern, ihrer Schwäche angepasst beurteilt werden könnten, stossen bei etlichen KollegInnen auf Ablehnung, das Gebot der Gleichbehandlung aller ist zu stark in den Köpfen verankert.

2. Es gibt SchülerInnen mit dieser Schwäche, die in anderen Fächern durch Intelligenz und Fleiss beachtliche Leistungen erbringen und die durchaus in einer FMS, WMS oder ähnlichen anspruchsvollen weiterführenden Schulen bestehen könnten. Leider scheitern sie mit einiger Wahrscheinlichkeit an den Aufnahmebedingungen für diese Schulen, die alle einen Durchschnitt von 4.5 in den Fächern Mathe, Deutsch, Franz und Englisch verlangen. Es braucht kein grosses mathematisches Genie, um das Problem für jemanden, der sprachlich "behindert" ist, zu sehen. Telefonische Abklärungen mit der FMS ergaben, dass diese auch bei SchülerInnen, die schulpsychologisch abgeklärt wurden, nicht bereit sind, von diesen Bedingungen abzuweichen und beispielsweise auch die Noten in intellektuellen Fächern wie Geschichte, Geografie, Biologie etc. zu berücksichtigen.

Das Beispiel der verhältnismässig schwachen Behinderung Legasthenie zeigt mir sehr deutlich, wie viel Arbeit noch gemacht werden muss, wenn schwerer behinderte Kinder integriert werden sollen!

Auch mir fällt es schwer, die praktischen Folgen zu schlucken. Soll ich dann in Zukunft auf eine schöne Wanderung auf der Schulreise verzichten, um ein körperlich behindertes Kind nicht auszuschliessen? Schade, wo doch für viele Kinder Schulreisen, Wander- und Skilager seltene Möglichkeiten der Bewegung an frischer Luft bieten.

Wie werde ich mit den Kindern verfahren, die bereits jetzt andere Kinder nur zu leicht mobben, weil diese durch irgendeine harmlose Schwäche auffallen und nicht zu der ehrgeizigen Ellbogengesellschaft passen? Mobbingprävention wirkt ja auch in Regelklassen vor allem in der Theorie.

Und ist es tatsächlich so, dass SchülerInnen mit Behinderungen ebenso motiviert sind, in einer Regelklasse zu bestehen, wie sich die Ideologen dies vorstellen? Ganz zu schweigen von den von Max Müller in seinem Beitrag ja bereits erwähnten SchülerInnen von Regelklassen, die oft nur zu gewillt sind, ihre Leistungsansprüche nach unten zu korrigieren.
Damit sind die praktischen Schwierigkeiten, die die Integrationspläne ergeben, nur angetönt. Von geeigneten Arbeitsbedingungen möchte ich gar nicht zu träumen beginnen, die wären eh zu teuer...

Kurz: In meinen Augen ist die Integrationsidee für keinen der Beteiligten fair. Sie zeugt nur von unseren ungebrochenen Träumen von einem Goldenen Zeitalter, in dem alle alle respektieren und das Beste geben. Schön wärs.

Herkunft: BL

Jürg Wiedemann

25.10.2009 13:31
#7 RE: Bea Fünfschilling: Integration - nicht zum Nulltarif zu haben antworten


Integration von behinderten Kindern in Regelklassen ist aus meiner Sicht ein erstrebenswertes Ziel: Bedingungen für eine erfolgreiche Integration sind jedoch positive Prognosen und das Bereitstellen der notwendigen Ressourcen. Dazu gehören:

· pro Lektion zwei Lehrkräfte, davon eine mit einer heilpädagogischen Ausbildung,
· Reduktion der Pflichtstundenzahl, begründet durch den höheren administrativen Aufwand,
· zusätzliche Nebenräume um Gruppenarbeiten zu ermöglichen,
· fundierte Weiterbildung.

Zum Nulltarif ist eine erfolgreiche Integration von behinderten Kindern nicht zu haben. Ansonsten werden derart tragische Fälle, wie sie von Bea Fünfschilling in ihrem Artikel beschrieben wurden, nicht die Ausnahme bleiben.

Jürg Wiedemann, Landrat Grüne Baselland

Daniel Felber

25.10.2009 13:36
#8 Integration? - Grenzen kennen lernen antworten


Als Zeichenlehrer mit 25-jähriger Erfahrung auf allen Sek I - Stufen fordere ich dazu auf, den SuS (Schülerinnen und Schüler) die Möglichkeit zu geben, Grenzen kennen zu lernen und die Konsequenzen, die sich beim Nicht-Einhalten daraus ergeben. Ich finde es wichtig Vertrauen in die SuS zu haben, dass diese Einsichten haben können, gerade auch wenn sie dies auf Grund ihrer Erziehung bis jetzt kaum gewohnt sind.

Darum Mut, möglichst viele Aspekte der Pädagogik von Michael Winterhoff einzubeziehen.

Herkunft: BL

Remo Largo Offline


Beiträge: 3


26.10.2009 11:23
#9 Replik auf Bea Fünfschilling: antworten

Replik auf Bea Fünfschilling

Ich möchte auf den Text von Frau Fünfschilling und die Beiträge, die Frau Fünfschilling zustimmen, antworten. Die vorgebrachten Einwände zur Integration sind überwiegend berechtigt, treffen aber nicht den Kern der Sache.
Die Kinder, die erwähnt werden und bei denen die Integration nicht gelungen ist, sind ausnahmslos Kinder, die besondere Bedürfnisse haben und daher auch nicht integriert werden sollen. Die meisten Kinder, die früher eine heilpädagogische Schule besucht haben, dürfen in ihrem eigenen Interesse nicht integriert werden. Die schulische Integration in die Regelklassen kann bei ihnen nicht gelingen, weil die folgenden drei Be-dingungen nicht erfüllt sind:

• Die Kinder können auf die Dauer sozial nicht integriert werden.
• Sie sind schulisch nicht integriert, weil sie aufgrund ihrer Leistungsdefizite früher oder später ausgegrenzt werden.
• Sie sind überfordert, das heisst, die schulischen Anforderungen sind nicht ihrem Leistungsvermögen individuell angepasst.

Diese drei Bedingungen waren bei den erwähnten Kindern offenbar nicht erfüllt. Zweimal wird auf eine fehlgeschlagene Integration bei hörbehin-derten Kindern verwiesen. Ein hörbehindertes Kind soll nur dann integriert werden, wenn seine kommunikative Kompetenz ausreichend ist, um dem gesprochenen Wort im Unterricht folgen zu können. Ist es aber auf Gebärdensprache angewiesen, dann kann es in einer Regelklasse nicht lernen. Das Kind kann damit auch nicht die Leistungen erbringen, die es zu leisten imstande wäre. Es ist leistungsmässig und allenfalls auch sozial überfordert.

Bei der Integration geht es aber in der grossen Mehrzahl um Kinder, die bisher wegen Legasthenie, Hyperaktivität, motorischer Ungeschicklichkeit, Verhaltenseigenheiten etc in Sonderklassen ausgesondert wurden.


Für diese Kinder können die drei Bedingungen durchaus erfüllt werden, wenn sich die Schule um die Sozialisierung und einen individualisierten Unterricht bemüht. Das heisst, wenn die Lehrpersonen bereit sind, Kinder mit unterschiedlichem Entwicklungsstand und sozialen Kompetenzen zu unterrichten. Dass dies möglich ist, zeigen die altersdurchmischten Klassen, in denen verschiedene Jahrgänge gemeinsam unterrichtet werden.

Es gibt meines Erachtens keinen Grund, weshalb ein Kind mit einer Teilleistungsschwäche wie Legasthenie nicht eine Regelkasse besuchen soll. Legasthenie hat bei den meisten Kindern nichts mit intellektueller und schulischer Leistungsfähigkeit zu tun. Was die Schule lernen muss ist, wie sie damit umgehen soll, dass die Rechtschreibung kein Leistungskriterium mehr ist. Immer mehr Gymnasien grenzen Schüler mit Legasthenie nicht mehr aus. Das muss auch in der Volksschule möglich sein. Dies gilt genauso für andere Teilleistungsstörungen sowie Verhaltensauffälligkeiten normalbegabter Kinder.

Die Zukunft unserer Volksschule wird entscheidend davon abhängen, ob sie die Individualisierung des Unterrichts schafft und einen Beitrag zur Sozialisierung der Kinder zu leisten vermag. Dass eine solche Pädagogik umgesetzt werden kann, zeigen seit vielen Jahren die Schulen in den skandinavischen Ländern, aber auch immer mehr öffentliche und private Schulen in der Schweiz.

Remo Largo

Bea Fünfschilling

27.10.2009 08:28
#10 RE: Replik auf Bea Fünfschilling: antworten

Remo Largos Replik verblüfft

Es ist verständlich, wenn Herr Largo als Kinderarzt keinen direkten Einblick in die Realitäten des Schulalltags hat. Mag sein, dass dies der Grund für das tiefgreifende Missverständnis ist, dem er im Zusammenhang mit dem aktuellen Integrationskonzept offensichtlich erlegen ist.

Es geht bei der integrativen Sonderpädagogik nicht um von Legasthenie oder Rechenschwäche betroffene Kinder, die seit jeher selbstverständlich in Regelklassen unterrichtet und schon seit Langem speziell gefördert werden. Es geht vielmehr um die Umverteilung der IV-Ressourcen vom Bund auf die Kantone. Dazu gibt das Konkordat Sonderpädagogik vor, die exakt meinen Beispielen entsprechenden IV-berechtigten Kinder "vorzugsweise" in die Volksschule zu integrieren. Dies wird in ZH bereits praktiziert und in BL ohne gesetzliche Grundlagen durch die Hintertür eingeführt.

In der Reform dreht es sich genau um die Kinder mit so schweren Behinderungen, von denen offenbar auch Herr Largo denkt, sie könnten "auf die Dauer sozial nicht integriert werden", sie würden aufgrund "ihrer Leistungsdefizite früher oder später ausgegrenzt werden" und sie seien "überfordert" weil "die schulischen Anforderungen nicht ihrem Leistungsvermögen" angepasst seien.

Der Berufsverband der Baselbieter Lehrerinnen und Lehrer vertritt nichts Anderes. Damit dürfte sich das Pro und Kontra zwischen Herrn Largo und mir irgendwie in Luft aufgelöst haben.

P.S. An die Leserschaft der Basler Zeitung: entgegen der Berichterstattung in diesem Medium nimmt auch Herr Allan Guggenbühl eine skeptisch-kritische Position ein.

Bea Fünfschilling, Präsidentin LVB und aktuelle Gastbloggerin

FACHnoa Offline


Beiträge: 3

27.10.2009 23:03
#11 RE: Replik auf Bea Fünfschilling: - Integration eher unrealistisch antworten

Integration eher unrealistisch

Ich sehe auch Grenzen bei der Integration von stark behinderten Kindern.

Als Fachlehrperson der Primarstufe bin ich auch schon zweimal mit behinderten SchülerInnen konfrontiert worden.
Ein sehbehindertes Kind wurde in eine Regelklasse der Primarschule eingeschult, wo es sich eigentlich gut zurechtfand, von den MitschülerInnen akzeptiert wurde und schulisch (dank Unterstützung) mitkam.
Leider klafften im Laufe der Sek. die Interessen der Mitschüler und des sehbehinderten Kindes so weit auseinander, dass das Kind zunehmend vereinsamte.
Darum entschlossen sich die Eltern, das Kind in eine Schule für sehbehinderte Jugendliche zu schicken.

Trotz Anstrengungen aller Beteiligter war dieses Kind schlussendlich nicht integriert worden. Was Herr Largo ja auch schon bestätigt hat.

In der Theorie mag das funktionieren, aber die Realität belehrt uns eines Besseren ...

FACHnoa

Helga Macek

28.10.2009 18:48
#12 RE: Replik auf Bea Fünfschilling: - Regelschule mit " Sonderniveaus"? antworten

Das Thema Integration können wir innerhalb der Regelschule schon als kritisch sehen, spätestens dann, wenn es um die Frage geht, lässt sich ein Niveau A-Schüler ins Niveau E oder P (Progymnasium) integrieren,

Solange die Regelschule " Sonderniveaus" führt, ist jegliche weitere Diskussion um Integration keine vom Kern her ehrlich geführte Auseinandersetzung.

Als nächstes stellt sich mir die Frage, warum wir die bereits bestehenden Sonderschulen, nicht als gemischte Schulen führen, ist es denn nicht möglich Regelschüler in die Sonderschule zu integrieren? Wo liegt denn da das Problem?

Die Infrastrukturen der Sonderschulen kämen der Regelschule sehr zugute, und umgekehrt könnte man doch auch Sonderklassen in die Regelschule integrieren, warum nicht Mischformen ermöglichen, genauso ist es mit den Schulhäusern, warum ist es nicht möglich, dass Niveau A-Klassen im gleichen Schulhaus sind mit Niveau E-Klassen und Niveau P Klassen?

Gibt es da etwa eine Elternschaft, vorwiegend im Niveau Progymnasium, die sich wehrt? Oder liegt es an den Lehrpersonen, die sich auch schwer tun mit der Lehrerschaft und der Schülerschaft des Niveau A? Es liegt nicht nur an den baulichen Möglichkeiten, denn drei getrennte Schulhäuser könnten pro Schulhaus je eine Mischform der Niveaus führen, aber eben schon bei diesen Diskussionen gibt es erhebliche Widerstände, wie wollen wir da noch geistig Behinderte, Sinnesbehinderte und Körperbehinderte integrieren?

Vielleicht müssen wir erst mal die kleinen Schatten in diesen Fragen erkennen und sie zu überspringen versuchen ....

Herkunft: BL

Bea Fünfschilling

31.10.2009 22:43
#13 Bea Fünfschilling sagt Dank - und Aufruf antworten

Besten Dank!

In den letzten beiden Wochen hatte ich die Freude, mit einem Thema Gastbloggerin im Forum zu sein, das in der momentanen bildungspolitischen Situation enormes Interesse ausgelöst hat. Ich danke den Verantwortlichen des Forums für das Vertrauen und die tolle Zusammenarbeit, den gegen 2000 Interessierten, die die Forumsseiten in diesen zwei Wochen angeklickt haben, aber auch den Verfassern und Autorinnen der eingegebenen Texte für ihre differenzierten und unterstützenden Stellungnahmen. Sie geben mir Mut, den eingeschlagenen Weg weiter zu verfolgen.

Aufgefallen ist, dass mit Ausnahme von Herrn Largo, der seine bis anhin befürwortende Haltung mit seiner Replik überraschend dezidiert relativiert hat, die Befürworter einer vorzugsweisen Integration geschwiegen haben. Ich hätte es sehr geschätzt, mit ihnen in einen argumentativ geführten Dialog zu treten, indem sie meine Fragen beantwortet und aus ihrer Sicht widerlegt hätten. Dafür ist es nicht zu spät, denn ich bin sicher, dass das Thema aktuell bleiben und sich die Probleme im Schulalltag noch verschärfen werden.

Die nächstfolgende Thematik "Individualisierung" >>>>> greift ähnlich prominent in den Schulalltag ein. Reagieren Sie in den kommenden Wochen auf die Beiträge und erzählen Sie von ihren Erfahrungen. Kämpfen Sie dafür, dass unsere Volksschule eine Schule bleibt, die den Namen verdient. Machen Sie klar, welche Ziele unser Berufsstand mit hoher Professionalität und persönlichem Engagement für die Kinder und Jugendlichen erreichen kann und will, dass dem erfolgreichen Handeln aber klare Grenzen gesetzt sind.

Bea Fünfschilling, Präsidentin LVB

Ergänzung des Administrators:
Es können nach wie vor Beiträge verfasst werden zum Thema "Integration"
>>>>>


Helga Macek

01.11.2009 19:25
#14 RE: Replik auf Bea Fünfschilling - Regelklassen in die Sonderschulen integrieren? antworten

Ich verstehe nicht, wie Frau Fünfschilling verspricht, gerne mit Befürwortern der Integration diskutieren zu wollen, und keine Antwort gibt auf die Frage nach den unterschiedlichen Niveaus der Sekundarstufe BL, und den möglichen Mischformen.

Ich denke, dass man bei dem Gedanken der Integration das bereits bestehende Schulsystem im Auge haben muss. Dieses ist sehr selektiv ausgerichtet, grundsätzlich, deshalb fand ich es sehr gut, dass Herr Largo bei den Schülerinnen und Schülern mit Lernschwierigkeiten ansetzte, denn da beginnt bereits der Gedanke der Integration.

Es sind die Rahmenbedingungen des bestehenden Schulsystems, die die Integration so schwierig machen. Also versuchen wir vom Bestehenden auszugehen, dann wären doch auch Mischformen im Bereich der Sonderschulung möglich, warum nicht wirklich eine Schule für ALLE mit den entsprechenden Klassen? Das hiesse auch die Sonderschulen werden zu einer Schule für Alle, warum kann man nicht Regelklassen in die Sonderschulen integrieren? Was ist denn da so schwierig?

Frau Fünfschilling, ich freue mich sehr auf eine Antwort.
Helga Macek, BL

Bea Fünfschilling

02.11.2009 14:35
#15 RE: Replik auf Bea Fünfschilling - Regelklassen in die Sonderschulen integrieren? antworten

Antwort an Frau Helga Macek

Erzieherische Einwirkung und die Berücksichtigung psychosozialer Aspekte sind zwar wichtige Teile des Schulalltags und schaffen die Voraussetzungen für ein ideales Lernklima. Das Kerngeschäft der Schule ist und bleibt aber die Vermittlung von Lerninhalten. Und diese gelingt in möglichst homogenen Lerngruppen am besten. Der Unterricht in den heutigen Regelklassen mit der stark anwachsenden Anzahl an verhaltensauffälligen und sprachlich handikapierten Kindern bewegt sich für die Lehrpersonen schon ohne Integrative Sonderpädagogik oft an der Grenze des noch Leistbaren.

So wie es nicht richtig und fair ist, behinderte Kinder einem Regelunterricht auszusetzen, dessen Inhalte sie nie begreifen werden, ist es umgekehrt genau so wenig sinnvoll, Regelklassenkinder in Sonderschulen mit ihren auf die Bedürfnisse der Behinderten ausgerichteten Lehrplänen und Fördermassnahmen einzuteilen.

In Sonderklassen, Kleinklassen und in den unterschiedlichen Niveaus der Sekstufe I sind die Lehrpläne der Leistungsfähigkeit der Kinder so angepasst, dass die allermeisten die jeweiligen Lernziele durch gezielte Förderung erreichen können. Ein wahrhaft erfolgversprechendes Konzept!

Die Sekundarstufe I "unter einem Dach", d.h. alle drei Niveaus sollen in der gleichen Schulanlage untergebracht sein, ist im Kanton BL seit 2003 gesetzlich verankert. Die Zusammenführung hat jedoch wegen der immer noch ungelösten Besitzverhältnisse der Schulbauten und auch aus finanziellen Gründen noch nicht stattgefunden. Die jahrelange Verzögerung so mancher Projekte in BL ist tatsächlich sehr unbefriedigend. Wie denn sollen die zusätzlich anstehenden Reformen innert nützlicher Frist umgesetzt werden, wenn nach sechs Jahren noch nicht einmal die Vorgaben des Bildungsgesetzes eingehalten werden?

Bea Fünfschilling, Präsidentin LVB

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